Was passiert eigentlich im Brennofen? Vom rohen Ton zum fertigen Keramikstück
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Wenn ihr ein fertiges Keramikstück in den Händen haltet, seht ihr das Ergebnis vieler Arbeitsschritte: Drehen, Trocknen, Abdrehen, Glasieren und viele mehr. Was ihr nicht seht, sind die vielen Stunden, die dazwischen liegen – und vor allem, was im Brennofen passiert.
Jedes Stück wandert zweimal in den Brennofen. Zwei Brände, die aus getrocknetem Ton zuerst festen Scherben und schließlich fertige Keramik machen.
Der Schrühbrand – aus Ton wird Scherben
Bevor ein Stück überhaupt in den Ofen darf, muss es vollständig trocken sein. Gerade am Anfang ist mir das nicht immer gelungen – mit entsprechend spektakulären (bzw. katastrophalen) Ergebnissen. 😉 Heute weiß ich: Beim Trocknen ist Geduld sehr wichtig.
Beim Schrühbrand erhitze ich den Ofen langsam auf 950 °C. Dabei passiert im Ton einiges: Die letzte Restfeuchtigkeit verschwindet, chemisch gebundenes Wasser wird aus den Tonmineralien ausgetrieben und organische Bestandteile verbrennen. Bei 573 °C durchläuft der Quarz im Ton eine kleine Umwandlung – deshalb wird empfohlen, diese Phase besonders langsam zu durchlaufen.
Nach vielen Stunden ist aus dem trockenen Ton ein fester, aber noch poröser Scherben geworden. Er ist jetzt stabil genug, um glasiert zu werden, nimmt die Glasur aber gleichzeitig noch gut auf.
Genau in solchen Momenten bin ich froh, mich auf meinen Ofen verlassen zu können. Mein Nabertherm TOP 190 heizt so gleichmäßig, dass ich bei diesen kritischen Temperaturen kein mulmiges Gefühl haben muss – und das gibt mir im Werkstattalltag ein Stück Ruhe, während ich längst wieder woanders beschäftigt bin.
Zwischen zwei Bränden
Nach dem Schrühbrand werden die Stücke kontrolliert, bei Bedarf geschliffen und anschließend glasiert. Die Glasur bringt später Farbe, Oberfläche und Charakter ins Spiel.
Beim Einräumen des Ofens heißt es dann: Platz schaffen. Die glasierten Stücke dürfen sich nicht berühren, damit die Oberflächen nicht miteinander verschmelzen. Besonders bei meinen Tellern wird es deshalb schnell ziemlich voll.
Hier schätze ich den großzügigen Innenraum meines TOP 190 sehr. Vier Dessertteller passen beispielsweise nebeneinander – oder ein großer Teller und zwei kleinere. Die Zwischenräume lassen sich anschließend noch wunderbar mit kleineren Stücken füllen.
Der Glasurbrand – wenn aus glasierten Scherben Keramik wird
Beim zweiten Brand geht es noch einmal deutlich höher hinauf: bis zu 1230 °C – 1250 °C.
Die Glasur schmilzt und verbindet sich beim Abkühlen zu einer glatten, glasartigen Oberfläche. Gleichzeitig verdichtet sich der Scherben. Die feinen Poren schließen sich – man spricht von Vitrifizierung. Wie dicht der Scherben dabei wird, hängt natürlich auch von der verwendeten Tonmasse ab – bei meinen Massen wird der Ton ab dieser Temperatur dicht, aber das ist von Tonmasse zu Tonmasse unterschiedlich. Erst dadurch erhält die Keramik ihre endgültige Dichte und ihre Eigenschaften für den täglichen Gebrauch.
Und dann beginnt der Teil, den ich jedes Mal ein bisschen spannend finde: warten.
Denn auch wenn der Ofen seine Höchsttemperatur erreicht hat, ist der Brand noch lange nicht vorbei. Die kontrollierte Abkühlung ist ein wichtiger Teil des gesamten Prozesses. Beim Glasurbrand dauert ein kompletter Durchgang bei mir deshalb bis zu 35 Stunden.
1250 °C sind nicht einfach 1250 °C
Was der Ofen am Display anzeigt, erzählt nämlich nicht die ganze Geschichte.
Die Temperatur wird an einer bestimmten Stelle im Ofen gemessen. Je nachdem, wo ein Stück steht, kann die tatsächliche Hitzeeinwirkung etwas variieren. Deshalb arbeite ich zusätzlich mit sogenannten Cones. Diese kleinen Kegel aus Keramikmasse reagieren auf eine bestimmte Kombination aus Temperatur und Zeit und zeigen mir nach dem Brand, ob der Ofen tatsächlich die gewünschte Brennwirkung erreicht hat.
Viele kleine Entscheidungen
Ein Brennprogramm besteht nicht einfach aus „950 °C“ oder „1250 °C“. Es setzt sich aus verschiedenen Segmenten zusammen: Wie schnell wird aufgeheizt? Wann wird die Temperatur gehalten? Wie schnell darf der Ofen wieder abkühlen?
Auch Dinge wie der Zuluftschieber während des Schrühbrands oder die Isolierung des Ofens spielen dabei eine Rolle.
Vieles davon sieht man später nicht mehr. Aber genau diese unsichtbaren Schritte entscheiden mit darüber, ob ein Stück gelingt.
Und vielleicht ist das auch das Faszinierende am Brennen: Über Wochen hinweg begleitet man ein Stück, formt es mit den Händen, lässt es trocknen, glasiert es – und irgendwann gibt man einen Teil der Kontrolle an den Brennofen ab.
Vom Ton zum fertigen Stück
Zwischen dem ersten Griff in den Ton und einem fertigen Keramikstück liegen oft rund drei Wochen. Dazwischen liegen viele Handgriffe, zwei Brände und unzählige kleine Entscheidungen.
Wenn ich nach dem Glasurbrand den Ofen öffne, ist jedes Mal ein bisschen Spannung dabei. Denn erst jetzt zeigt sich endgültig, was aus dem geworden ist, das Wochen zuvor noch ein Stück weicher Ton war.
Vielleicht ist genau das einer der Gründe, warum ich Keramik so liebe: Man kann viel planen, messen und kontrollieren – aber am Ende bleibt immer ein kleiner Moment des Staunens.
Und jedes Stück hat nicht nur meine Hände durchlaufen, sondern auch das Feuer.
Eure Anna Maria
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